Donnerstag, 17. Mai 2012

Buchkritik: Historienroman von Tom Finnek, Gegen alle Zeit


Tom Finnek lässt London im 18. Jahrhundert wiederauferstehen

Mit der Zeitmaschine in die Londoner Unterwelt


Es gibt Historienfilme mit Fehlern. Da vergaßen manche
Filmemacher zum Beispiel Erfindungen der Neuzeit in
den Kulissen des Mittelalters. So ähnlich ist es in
Tom Finnek's Historienroman "Gegen alle Zeit". Der junge
Henry Ingram findet sich im Jahre 1724 mit Handy und
moderner Armbanduhr in einem Londoner Gefängnis wieder,
wo er mit der Hure Bess den Dieb Jack befreit. Doch
Henry lebt eigentlich im 21. Jahrhundert. Der Autor
lässt ihn sich jedoch recht schnell mit der Tatsache
abfinden, dass er es ab sofort mit der eigenwilligen
Hure Edgeworth Bess und einem Ganoven namens Jack
Sheppard zu tun hat. Beinahe mühelos wie im Film
bewegen sich alle Figuren durch das London des 18.
Jahrhunders mit den Kloaken, Spelunken, Towern und
herrschaftlichen Anwesen mit Parks. Es ist eine Zeit,
wo Mensch und Tier sehr eng aufeinanderprallten und wo
viele Streitigkeiten mit Gewalt gelöst wurden. Finnek
schafft eine spannende Zeitreise in ein anderes Jahrhundert,
selbst in ein anderes Land mit vielen Bildern, Gerüchen,
Gefahren. Es gibt Gefängnisausbrüche Szenen aus einem
Bordell, dubiose Todesfälle. Tom Finnek vermischt Fiktion
und Realität. Er begleitet die zur Hure mutierte Bess
auf ihrem Lebensweg. Er beschreibt sehr gut deren
Gedankengänge, deren Liebschaften und deren Gefühle.
Glaubhaft wirkt das. Nur dass der moderne Henry Ingram
sich über wenig wunder oder nicht in Panik darüber
gerät, dass er jetzt 300 Jahre zurückversetzt wurde,
das wirkt ein wenig unglaubwürdig. Und dass er es
hinnimmt, von nun an betteln und stehlen zu müssen.
Doch es gilt nicht zu vorschnell zu urteilen.
Die Lösung dafür erhält der Leser erst am Schluss.
Entlarvt wird zuvor ein Teil davon mit der Erklärung,
dass Henry, der Zeitreisende viel über das 18. Jahrhundert
gelesen hat. Somit müsste Geschichte unveränderlich
sein. Was sie de facto ist. Aber nicht in diesem Roman.
"Wer sagte denn, dass Geschichte unveränderlich war?
Wäre das so, dann hätte Henry in diesem Moment gar nicht
an diesem Ort sein dürfen!", schreibt der Autor. Ihm
scheint es als Filmjournalist zu gefallen, die Freiheit
der Kunst auszuloten. Finnek vermengt modernes Wissen
mit Historie. Dadurch werden die Unterschiede, aber auch
die Gemeinsamkeiten transparenter. Richtig haarig wird
es, als Tom Finnek seinen Hauptakteur Henry Ingram auf
Georg Friedrich Händel treffen lässt. Der Komponist lebte
tatsächlich in London als Leiter der Königlichen Oper
(Bettleroper). Das ist jedoch ein sehr kurzes Intermezzo
in einem Stück um Bess, deren Mann ermordet worden war,
und die ohne Job durch London irrt. Auf der Suche nach
sich selbst. Ein durchaus faszinierendes Historienepos
im London des 18. Jahrhunderts inmitten von Gesetzlosen
ohne Pomp und Kitsch. Es ist Tom Finnek's zweiter Roman
um London. Pate für diesen Stoff stand das Theaterstück
"The Beggar's Opera" von John Gay. Gay war ein englischer
Dramatiker der auch Pastoralgedichte schrieb. Den Dieb
Jack Sheppard und Mutter Needham, die Bordell-Betreiberin
gab es tatsächlich.
(c) Corinna S. Heyn


Tom Finnek,
Gegen alle Zeit.
Historischer Roman.
Ehrenwirth bei Bastei Lübbe 2011.
www.luebbe.de
HC


Montag, 7. Mai 2012



Thomas sucht in Paris die große Liebe

Patrice Leconte entführt den Leser in eine federleichte Poesie

Es ist eine unglaublich zärtliche Erzählung
über die Liebe aus Frankreich. Patrice Leconte
mit dem schelmischen Blick hinter runden
Brillengläsern ist ein bekannter Regisseur und
Drehbuchautor (Der Mann der Friseuse, Ridicule -
Von der Lächerlichkeit des Scheins) aus Paris.
Mit "Heute wegen Glück geschlossen" wagt er einen
ersten Schritt als Roman-Autor. Mit Erfolg. In
Frankreich wurde dieser Roman bereits hochgelobt.
Leconte erzählt die fein gesponnene Liebesgeschichte
aus der Sicht des jungen Thomas, Tomate genannt.
Tomate deshalb, weil er immer rot wird. Mit 27 Jahren
arbeitet er inmitten von Frauen in einer Papeterie
namens "Stylo dé Venus" in Paris. Zuhause gibt es
jeden Sonntag Erdbeerkuchen als Dessert. Thomas
ist ein vergeistigter, versponnener Philosoph mit
Idealen. Er möchte bis 30 verheiratet sein und zwar
mit einer kurzhaarigen Frau, die keine Kaugummis kaut,
weil das dumm aussieht. Auch eine Wahrsagerin bemüht
er, als sich die Suche in die Länge zieht. Dann trifft
er urplötzlich auf Colette, eine wunderhübsche
17jährige, der er Komplimente macht und sie wieder aus
den Augen verliert. Aber nicht aus dem Sinn. Leconte
beschreibt ein hinreißendes, französisches Flair wie
einen Tanz von Schmetterlingen in einer lauen Sommernacht.
Poetisch wandelt er als Thomas auf den Spuren einer nie
gekannten Liebe, deren Ideale, Hoffnungen und Träume.
Behutsam trägt er den jungen Thomas durch die Zeit,
die endlos zu sein scheint und den Leser an die eigene
Jugend erinnert, als die erste Liebe noch etwas ganz
Besonderes war. Es ist auch ein Roman um die Geduld.
Ein Schmuckstück an literarischer Leichtigkeit mit
doch viel Tiefsinn über das Schönste, was es auf der
Welt gibt: die Liebe.
(c) Corinna S. Heyn


Patrice Leconte,
Heute wegen Glück geschlossen.
Aus dem Französischen von Marie Schmetz.
Lübbe Ehrenwirth 2011.
Gebunden
Preis: 10 Euro
www.luebbe.de