Montag, 18. Juni 2012

Buchkritik: Jan-Philipp Sendker, Herzenstimmen


Burma prallt auf Nordamerika


Eine wunderbare Parabel über die innere Stimme 


Julia Win ist eine erfolgreiche Anwältin in
New York. Sie hat einen burmesischen Bruder
und hört seit sie eine Fehlgeburt hatte
Stimmen. Genauer gesagt: eine weibliche Stimme,
die ihr ständig Fragen stellt. Modern gesprochen
geht es hier nur vordergründig um Burnout, der
Julia in die Knie zwingt. Sie versucht es bei
einem Psychiater, mit Psychopharmaka und
schließlich - angeregt durch ihre asiatische
Freundin Amy - mit Meditation. Es fällt der
Karrierefrau schwer, die Stimme auszublenden.
Aber als Julia mit Amy eine Meditation besucht,
lernt sie einen Mönch kennen, dem sie sich
anvertraut. Er macht sie mit dem Buddhismus
vertraut, wonach Verstorbene wiedergeboren werden.
In ihr "wohne" demnach eine geplagte Burmesin.
Bis zu ihrem Tode würde das so bleiben, es sei
denn, sie erfahre mehr über die Verstorbene.
Julia fliegt nach Burma, um ihren Bruder U Ba
zu treffen und das Rätsel zu lösen. Er sagt,
dass Soldaten vor Menschen Angst haben, die
lieben würden. Nicht vor anderen Waffen. Weil
Liebende sich vor nichts fürchten. U Ba hat keine
Angst vor dem Tod, nicht einmal vor seiner
früheren "Mitbewohnerin", einer Kobra. Es sind
Welten, die in Burma aufeinanderprallen. Die
westlich geprägte Julia beneidet ihren Bruder
um dessen Gelassenheit. Das Geld, das sie ihm
aus den USA schickte, verschenkte er an Bedürftige.
Nur einen scheppernden Kassettenrekorder aus China
leistete er sich. Ansonsten lebt er einfach:
Plumpsklo, leckes Dach, wenig Mobiliar. Eines aber
haben die Geschwiser gemeinsam: die Liebe zur Musik.
Julia liebt Bach, Mozart und Haydn. Wenn sie diesen
Klängen lauscht, verstummt die Stimme. U Ba hört
Brahms und Beethoven auf dem leiernden Gerät.
Jan-Philipp Sendker ist gebürtiger Hamburger und
war Amerika- und Asienkorrespondent für das Magazin
"Stern". Er hat das Flair Burmas tief in sich
aufgesogen. Aber es gibt auch eine düstere Seite
der Unterdrückung durch das Militär. Er beschreibt
die ferne Welt dennoch mit viel Magie Würde und
mit Poesie. Der Autor versetzt sich in die weibliche
Sicht der Dinge intuitiv. Sendker trägt den Leser
von der einen in die andere Kultur wie ein Baby.
Was zu Beginn noch seltsam anmutet, erweist sich
als Segen. Der eigenen, inneren Stimme mehr zu folgen
und für mehr Gerechtigkeit und Frieden in unterdrückten
Ländern zu sorgen. Ein wunderbares Stück Literatur
für mehr Balance im Leben mit der buddhistischen
Weisheit einer anderen Welt. Und doch der, in der wir
alle leben.
(c) Corinna S. Heyn


Jan-Philipp Sendker,
Herzenstimmen.
351 Seiten, Hardcover
Karl Blessing Verlag 2012
www.blessing-verlag.de