Dienstag, 25. September 2012

Buchkritik:Thomas Bauer, Frankreich erfahren

Leicht wie ein Soufflée und dennoch tiefgründig


Thomas Bauer radelte mit dem Postrad um ganz Frankreich herum und schrieb darüber einen Roman


Thomas Bauer ist bekennender Frankreich-Fan. Er fühlt sich dort wohler
als in Deutschland und spricht zudem Französisch. Ein Jahr lang
arbeitete er in Paris, wo er sich ein sehr "schnelles" Französisch aneignete.
Er wandelte schon auf dem Jakobsweg und besuchte das Nachbarlang
gut verzig Mal. Der Süddeutsche studierte in Konstanz und schreibt
Reisebücher, die in der gehobenen Presse großen Anklang fanden.
Er bereiste Ungarn, Südamerika, war am Himalaya, mit dem Paddelboot
auf der Donau zum Schwarzen Meer unterwegs und per Rikscha ging
es für ihn durch Südostasien. Sein neuester Coup ist eine philosophisch
anmutende Reiseerzählung per Postfahrrad durch Frankreich. Eine CD
mit rockigen, französichen Songs kann für fünf Euro erworben werden, denn der
Autor ist Musiker der Band "mariposa". Anschaulich schildert Thomas Bauer
seine Erlebnisse in Frankreich, wo er auf Menschen mit Geheimnissen
stieß. So erfährt der Leser, dass Croissants anscheinend eine österreichische
Erfindung sind und der pfiffige Tourist besser "unse noisett" statt einen
Espresso bestellt und anstelle eines Café au lait besser "un crème" sagt.
Dann müsse er weniger bezahlen und outet sich nicht als Tourist.
Diese Insidertipps verriet ihm eine Studentin in Aix-en-Provence. Die
Franzosen staunten über den Deutschen mit dem 50 Kilo schweren
Postfahrrad. Manche waren einfach sprachlos über dessen Aktion.
Der Autor fesselt beschwingt und leicht mit leichtfüßigen Erzählungen
und historischen Einsprenkelungen sowie philosophischen Ergüssen,
mit denen er jede Ortschaft erkundete. Er radelte tatsächlich an der
gesamten Küste Frankreichs entlang ab La Rochelle, über Quiberon,
Rouen, Strasbourg, Lyon, Marseille und über Toulouse bis zum
Ausgangspunkt in La Rochelle zurück. Thomas Bauer schwärmt von
den Fischerdörfern am Atlantik, ist begeistert vom gleißend gelben
Licht der Rapsfelder vor Paris als Ausgleich zur körperlichen Strapaze.
Er genießt die Bouillabaise, Mousse au chocolat sowie Coq au vin.
Der Verfasser ist gebildet, kennt Paul Bocuse, Antoine de Saint-Éxupéry,
van Gogh. Und er räumt mit so manchem Klischee auf. Gekrönt ist
der Band mit zarten Bleistiftzeichnungen von Johanna Meyer. Sie ist
gelernte Modegrafikerin und lebt in Deggendorf an der Donau. Ein
liebevolles und gescheites Buch.
(c) Corinna S. Heyn

Thomas Bauer,
Frankreich erfahren. Eine CD und Songs der Band "mariposa"
gibt es für fünf Euro extra.
Eine Umnrundung per Postrad.
Drachenmond Verlag 2012.
Preis: 14,90 Euro
www.drachenmond.de

Montag, 18. Juni 2012

Buchkritik: Jan-Philipp Sendker, Herzenstimmen


Burma prallt auf Nordamerika


Eine wunderbare Parabel über die innere Stimme 


Julia Win ist eine erfolgreiche Anwältin in
New York. Sie hat einen burmesischen Bruder
und hört seit sie eine Fehlgeburt hatte
Stimmen. Genauer gesagt: eine weibliche Stimme,
die ihr ständig Fragen stellt. Modern gesprochen
geht es hier nur vordergründig um Burnout, der
Julia in die Knie zwingt. Sie versucht es bei
einem Psychiater, mit Psychopharmaka und
schließlich - angeregt durch ihre asiatische
Freundin Amy - mit Meditation. Es fällt der
Karrierefrau schwer, die Stimme auszublenden.
Aber als Julia mit Amy eine Meditation besucht,
lernt sie einen Mönch kennen, dem sie sich
anvertraut. Er macht sie mit dem Buddhismus
vertraut, wonach Verstorbene wiedergeboren werden.
In ihr "wohne" demnach eine geplagte Burmesin.
Bis zu ihrem Tode würde das so bleiben, es sei
denn, sie erfahre mehr über die Verstorbene.
Julia fliegt nach Burma, um ihren Bruder U Ba
zu treffen und das Rätsel zu lösen. Er sagt,
dass Soldaten vor Menschen Angst haben, die
lieben würden. Nicht vor anderen Waffen. Weil
Liebende sich vor nichts fürchten. U Ba hat keine
Angst vor dem Tod, nicht einmal vor seiner
früheren "Mitbewohnerin", einer Kobra. Es sind
Welten, die in Burma aufeinanderprallen. Die
westlich geprägte Julia beneidet ihren Bruder
um dessen Gelassenheit. Das Geld, das sie ihm
aus den USA schickte, verschenkte er an Bedürftige.
Nur einen scheppernden Kassettenrekorder aus China
leistete er sich. Ansonsten lebt er einfach:
Plumpsklo, leckes Dach, wenig Mobiliar. Eines aber
haben die Geschwiser gemeinsam: die Liebe zur Musik.
Julia liebt Bach, Mozart und Haydn. Wenn sie diesen
Klängen lauscht, verstummt die Stimme. U Ba hört
Brahms und Beethoven auf dem leiernden Gerät.
Jan-Philipp Sendker ist gebürtiger Hamburger und
war Amerika- und Asienkorrespondent für das Magazin
"Stern". Er hat das Flair Burmas tief in sich
aufgesogen. Aber es gibt auch eine düstere Seite
der Unterdrückung durch das Militär. Er beschreibt
die ferne Welt dennoch mit viel Magie Würde und
mit Poesie. Der Autor versetzt sich in die weibliche
Sicht der Dinge intuitiv. Sendker trägt den Leser
von der einen in die andere Kultur wie ein Baby.
Was zu Beginn noch seltsam anmutet, erweist sich
als Segen. Der eigenen, inneren Stimme mehr zu folgen
und für mehr Gerechtigkeit und Frieden in unterdrückten
Ländern zu sorgen. Ein wunderbares Stück Literatur
für mehr Balance im Leben mit der buddhistischen
Weisheit einer anderen Welt. Und doch der, in der wir
alle leben.
(c) Corinna S. Heyn


Jan-Philipp Sendker,
Herzenstimmen.
351 Seiten, Hardcover
Karl Blessing Verlag 2012
www.blessing-verlag.de

Donnerstag, 17. Mai 2012

Buchkritik: Historienroman von Tom Finnek, Gegen alle Zeit


Tom Finnek lässt London im 18. Jahrhundert wiederauferstehen

Mit der Zeitmaschine in die Londoner Unterwelt


Es gibt Historienfilme mit Fehlern. Da vergaßen manche
Filmemacher zum Beispiel Erfindungen der Neuzeit in
den Kulissen des Mittelalters. So ähnlich ist es in
Tom Finnek's Historienroman "Gegen alle Zeit". Der junge
Henry Ingram findet sich im Jahre 1724 mit Handy und
moderner Armbanduhr in einem Londoner Gefängnis wieder,
wo er mit der Hure Bess den Dieb Jack befreit. Doch
Henry lebt eigentlich im 21. Jahrhundert. Der Autor
lässt ihn sich jedoch recht schnell mit der Tatsache
abfinden, dass er es ab sofort mit der eigenwilligen
Hure Edgeworth Bess und einem Ganoven namens Jack
Sheppard zu tun hat. Beinahe mühelos wie im Film
bewegen sich alle Figuren durch das London des 18.
Jahrhunders mit den Kloaken, Spelunken, Towern und
herrschaftlichen Anwesen mit Parks. Es ist eine Zeit,
wo Mensch und Tier sehr eng aufeinanderprallten und wo
viele Streitigkeiten mit Gewalt gelöst wurden. Finnek
schafft eine spannende Zeitreise in ein anderes Jahrhundert,
selbst in ein anderes Land mit vielen Bildern, Gerüchen,
Gefahren. Es gibt Gefängnisausbrüche Szenen aus einem
Bordell, dubiose Todesfälle. Tom Finnek vermischt Fiktion
und Realität. Er begleitet die zur Hure mutierte Bess
auf ihrem Lebensweg. Er beschreibt sehr gut deren
Gedankengänge, deren Liebschaften und deren Gefühle.
Glaubhaft wirkt das. Nur dass der moderne Henry Ingram
sich über wenig wunder oder nicht in Panik darüber
gerät, dass er jetzt 300 Jahre zurückversetzt wurde,
das wirkt ein wenig unglaubwürdig. Und dass er es
hinnimmt, von nun an betteln und stehlen zu müssen.
Doch es gilt nicht zu vorschnell zu urteilen.
Die Lösung dafür erhält der Leser erst am Schluss.
Entlarvt wird zuvor ein Teil davon mit der Erklärung,
dass Henry, der Zeitreisende viel über das 18. Jahrhundert
gelesen hat. Somit müsste Geschichte unveränderlich
sein. Was sie de facto ist. Aber nicht in diesem Roman.
"Wer sagte denn, dass Geschichte unveränderlich war?
Wäre das so, dann hätte Henry in diesem Moment gar nicht
an diesem Ort sein dürfen!", schreibt der Autor. Ihm
scheint es als Filmjournalist zu gefallen, die Freiheit
der Kunst auszuloten. Finnek vermengt modernes Wissen
mit Historie. Dadurch werden die Unterschiede, aber auch
die Gemeinsamkeiten transparenter. Richtig haarig wird
es, als Tom Finnek seinen Hauptakteur Henry Ingram auf
Georg Friedrich Händel treffen lässt. Der Komponist lebte
tatsächlich in London als Leiter der Königlichen Oper
(Bettleroper). Das ist jedoch ein sehr kurzes Intermezzo
in einem Stück um Bess, deren Mann ermordet worden war,
und die ohne Job durch London irrt. Auf der Suche nach
sich selbst. Ein durchaus faszinierendes Historienepos
im London des 18. Jahrhunderts inmitten von Gesetzlosen
ohne Pomp und Kitsch. Es ist Tom Finnek's zweiter Roman
um London. Pate für diesen Stoff stand das Theaterstück
"The Beggar's Opera" von John Gay. Gay war ein englischer
Dramatiker der auch Pastoralgedichte schrieb. Den Dieb
Jack Sheppard und Mutter Needham, die Bordell-Betreiberin
gab es tatsächlich.
(c) Corinna S. Heyn


Tom Finnek,
Gegen alle Zeit.
Historischer Roman.
Ehrenwirth bei Bastei Lübbe 2011.
www.luebbe.de
HC


Montag, 7. Mai 2012



Thomas sucht in Paris die große Liebe

Patrice Leconte entführt den Leser in eine federleichte Poesie

Es ist eine unglaublich zärtliche Erzählung
über die Liebe aus Frankreich. Patrice Leconte
mit dem schelmischen Blick hinter runden
Brillengläsern ist ein bekannter Regisseur und
Drehbuchautor (Der Mann der Friseuse, Ridicule -
Von der Lächerlichkeit des Scheins) aus Paris.
Mit "Heute wegen Glück geschlossen" wagt er einen
ersten Schritt als Roman-Autor. Mit Erfolg. In
Frankreich wurde dieser Roman bereits hochgelobt.
Leconte erzählt die fein gesponnene Liebesgeschichte
aus der Sicht des jungen Thomas, Tomate genannt.
Tomate deshalb, weil er immer rot wird. Mit 27 Jahren
arbeitet er inmitten von Frauen in einer Papeterie
namens "Stylo dé Venus" in Paris. Zuhause gibt es
jeden Sonntag Erdbeerkuchen als Dessert. Thomas
ist ein vergeistigter, versponnener Philosoph mit
Idealen. Er möchte bis 30 verheiratet sein und zwar
mit einer kurzhaarigen Frau, die keine Kaugummis kaut,
weil das dumm aussieht. Auch eine Wahrsagerin bemüht
er, als sich die Suche in die Länge zieht. Dann trifft
er urplötzlich auf Colette, eine wunderhübsche
17jährige, der er Komplimente macht und sie wieder aus
den Augen verliert. Aber nicht aus dem Sinn. Leconte
beschreibt ein hinreißendes, französisches Flair wie
einen Tanz von Schmetterlingen in einer lauen Sommernacht.
Poetisch wandelt er als Thomas auf den Spuren einer nie
gekannten Liebe, deren Ideale, Hoffnungen und Träume.
Behutsam trägt er den jungen Thomas durch die Zeit,
die endlos zu sein scheint und den Leser an die eigene
Jugend erinnert, als die erste Liebe noch etwas ganz
Besonderes war. Es ist auch ein Roman um die Geduld.
Ein Schmuckstück an literarischer Leichtigkeit mit
doch viel Tiefsinn über das Schönste, was es auf der
Welt gibt: die Liebe.
(c) Corinna S. Heyn


Patrice Leconte,
Heute wegen Glück geschlossen.
Aus dem Französischen von Marie Schmetz.
Lübbe Ehrenwirth 2011.
Gebunden
Preis: 10 Euro
www.luebbe.de